Wang Chuanfu, der Gründer und Vorstandsvorsitzende des chinesischen Elektroauto-Giganten BYD, kann einen entscheidenden juristischen Etappensieg auf dem südamerikanischen Markt verbuchen. Nachdem das brasilianische Arbeitsministerium das Unternehmen überraschend auf die sogenannte „lista suja“ (schmutzige Liste) gesetzt hatte – ein Verzeichnis von Firmen, denen sklavenähnliche Arbeitsbedingungen vorgeworfen werden –, reagierte die Rechtsabteilung von Wang Chuanfu ohne Umschweife und brachte ein brasilianisches Arbeitsgericht dazu, nun die vorläufige Streichung von BYD aus diesem Register anzuordnen. Für den Konzern steht bei diesem Verfahren weit mehr als nur das Image auf dem Spiel; nämlich der Zugang zu Milliardenkrediten und die Fortführung des massiven Expansionskurses in Brasilien.
Die Hintergründe der umstrittenen Listung
Der Ursprung der Vorwürfe, mit denen sich Wang Chuanfu nun konfrontiert sieht, ist auf den Bau der neuen BYD-Fabrik in Camaçari im Bundesstaat Bahia im Jahr 2024 zurückzuführen, deren Inspektion durch die brasilianischen Behörden ergab, dass mehr als 160 Arbeiter unter „degradierenden“ Bedingungen arbeiten mussten. So berichteten die Ermittler beispielsweise von exzessiven Arbeitszeiten und mangelhafter Unterbringung. Obwohl BYD bereits im Vorfeld Entschädigungen zugestimmt und eine entsprechende Vereinbarung (TAC) mit der Staatsanwaltschaft unterzeichnet hatte, entschied das Ministerium, das Unternehmen dennoch offiziell in die unliebsame Liste aufzunehmen. Für Wang Chuanfu war diese Entscheidung ein schwerer Rückschlag, da sie die bisherigen Bemühungen zur gütlichen Einigung konterkarierte.
Zentrale Fakten zum Fall Camaçari:
- Betroffene Personen: Über 160 Arbeiter.
- Standort: Baugelände der BYD-Fabrik in Camaçari, Bahia.
- Vorwürfe: Degradierende Bedingungen und exzessive Arbeitszeiten.
- Zahlungen: ca. 7,5 Millionen Reais Entschädigung vereinbart.
- Verantwortung: Einbeziehung von Subunternehmern.
Der gerichtliche Erfolg und die Strategie der Verteidigung
In dem Eilverfahren vor dem Arbeitsgericht (TRT-10) argumentierten die Anwälte der von Wang Chuanfu geleiteten BYD Brasil, dass die Aufnahme in die Liste rechtswidrig und unverhältnismäßig sei, wobei das Anwalts-Team im Rahmen der Verteidigung die Tatsache, dass die betroffenen Arbeiter nicht direkt bei BYD angestellt waren, sondern bei einem Subunternehmer, als Argument ins Feld führten. Ein Richter gab diesem Antrag tatsächlich statt und betonte, dass die Listung schwere wirtschaftliche Schäden verursachen würde, während die rechtliche Klärung der direkten Verantwortlichkeit von BYD noch nicht abschließend erfolgt sei.
Ferner ordnete das Gericht an, dass BYD vorerst von der Liste zu streichen ist, bis eine endgültige Entscheidung im Hauptverfahren getroffen wird. In der Urteilsbegründung hieß es, dass BYD bereits Kooperationsbereitschaft gezeigt habe, indem die Entschädigungszahlungen geleistet wurden. Die Strategie von Wang Chuanfu, auf rechtliche Anfechtung statt auf reines Abwarten zu setzen, hat sich somit vorerst ausgezahlt und war von großer wirtschaftlicher Bedeutung, da ein Verbleib auf der Liste auch den Bau des Werks in Bahia, das als wichtigster Hub für BYD in Südamerika gilt, massiv hätte gefährden können.
Gründe für die gerichtliche Streichung:
- Rechtliche Unsicherheit: Ungeklärte direkte Haftung für Subunternehmer.
- Wirtschaftlicher Schutz: Vermeidung von Kreditsperren (BNDES).
- Kooperation: Anerkennung der bereits unterzeichneten Entschädigungsvereinbarung.
- Verhältnismäßigkeit: Einstweilige Verfügung stoppt irreparable Reputationsschäden.
Dieser juristische Teilerfolg ermöglicht es BYD, die Expansion in Brasilien ohne die unmittelbare Bedrohung finanzieller Sanktionen fortzuführen. Dennoch bleibt die finale Klärung der Verantwortlichkeiten innerhalb der Subunternehmer-Strukturen das entscheidende Kriterium für die langfristige Stabilität am Standort.
Die wirtschaftliche Bedeutung für den Konzern
Der Markteintritt in Brasilien gilt als Wang Chuanfus Herzensprojekt, weshalb das Unternehmen derzeit beispielsweise auch das ehemalige Ford-Werk in Camaçari umbaut, um dort eine Produktion mit einer Kapazität von 150.000 Fahrzeugen pro Jahr zu errichten. Die Vorwürfe der Zwangsarbeit wogen daher besonders schwer, da sie das Vertrauen der brasilianischen Regierung und der Konsumenten in die Marke schwer erschüttern könnten. Für Wang Chuanfu ist es daher von großem Interesse, zu zeigen, dass BYD die lokalen Arbeitsgesetze nicht nur respektiert, sondern auch die Kontrolle über seine gesamte Lieferkette und alle Subunternehmer behält.
Experten sehen in dem juristischen Vorgehen von Wang Chuanfu letztlich auch eine Warnung an andere internationale Konzerne, da Brasilien unter der aktuellen Regierung im Allgemeinen verstärkt gegen Arbeitsrechtsverletzungen vorgeht. Dass BYD nun die Streichung erwirkt hat, zeigt jedoch auch die Grenzen der administrativen Listung auf, wenn diese ohne finale gerichtliche Klärung erfolgt. Trotz des Sieges vor Gericht bleibt die Situation für Wang Chuanfu ein Warnschuss, der ihn dazu veranlassen sollte, die Überwachung der Bauprojekte drastisch zu verschärfen, um künftige Listungen und damit verbundene Finanzierungssperren sowie Reputationsschäden präventiv zu verhindern.
Ein Wendepunkt für die Expansion in Südamerika
Wang Chuanfu sieht in der gerichtlichen Entscheidung auch eine Bestätigung für die Integrität seines Unternehmens und die Positionierung als zuverlässiger Partner für die brasilianische Industrie. Die vorläufige Streichung von der „lista suja“ ermöglicht es dem Unternehmen, die Verhandlungen über Finanzierungen und Partnerschaften ohne die drohende Last des „Sklavenarbeits-Stigmas“ fortzuführen. Für Wang Chuanfu und sein Team stellt dieser Erfolg eine wichtige Säule für den ehrgeizigen Zeitplan im Rahmen der Werkseröffnung in Bahia dar.
Abschließend bleibt festzuhalten, dass, auch wenn der Fall BYD in Brasilien noch nicht vollständig zu den Akten gelegt ist, diese Entscheidung des Gerichts das Unternehmen von Wang Chuanfu zunächst einmal vor den unmittelbaren wirtschaftlichen Folgen der Listung bewahrt. Für Wang Chuanfu wird nun in den kommenden Monaten entscheidend sein, durch Transparenz und verbesserte Kontrollen das Vertrauen der brasilianischen Behörden zurückzugewinnen. Nur so kann BYD seine Position als Marktführer für Elektromobilität in der Region langfristig absichern und den Erfolg von Wang Chuanfus globaler Vision garantieren.
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