Wirtschaft

Die Psychologie der Preisgestaltung: Zwischen Wertwahrnehmung und Gewinnmaximierung

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Wenn man im wirtschaftlichen Kontext vom Preis eines Produktes spricht, geht es typischerweise um sehr viel mehr als eine rein mathematische Formel aus Kosten und Marge. In der heutigen Ökonomie fungiert die Preisgestaltung durchaus auch als emotionales Tool, mit welchem man als Kaufmann unter Umständen und mit entsprechender Expertise in erheblichem Ausmaß in die menschliche Psychologie eingreifen kann. Auch wenn es immer wieder, auch in Fachkreisen, so kolportiert wird, als basiere die Entscheidungsfindung von Konsumenten in erster Linie auf einer Kosten-Nutzen-Abwägung, zeichnet die Realität ein sehr viel komplexeres Bild. Tatsächlich nämlich orientieren sich Kunden auch an unbewussten Ankerpunkten und relativen Werten, was für Unternehmen einen wichtigen Hinweis nach sich zieht. Schließlich gilt es mit diesem Wissen im Hinterkopf, die Preisgestaltung strategisch zu verfeinern, weil sie darüber entscheidet, ob ein Produkt als Luxus, ausgewogener Deal oder Ramsch wahrgenommen wird.

Der Anker-Effekt: Warum der erste Kontakt entscheidend ist

Im Kontext einer smarten Preisgestaltung spielt das sogenannte „Price Anchoring“ eine wesentliche Rolle, welches auf die Angewohnheit des menschlichen Gehirns abzielt, Infos in Relation zu bereits bekannten Daten zu bewerten. Das lässt sich am Beispiel einer Armbanduhr überaus anschaulich verbildlichen – Wenn ein Kunde in einem Geschäft als erstes Produkt eine für Uhr 6500 € sieht, wirkt das nächste Modell für beispielsweise 650 € wie ein echtes Schnäppchen, OBWOHL der eigentliche Wert dieser zweiten Uhr möglicherweise deutlich darunter liegt. Hier fungiert der erste Preis als Maßstab (Anker), an dem alle weiteren Produkte gemessen werden. Dieser bekannte Effekt wird im Business-Umfeld oftmals gezielt genutzt, indem hochpreisige Artikel mit dem einzigen Zweck ins Sortiment integriert werden, um den Kunden die günstigeren Produkte schmackhafter zu machen. Insbesondere im SaaS-Bereich hat sich diese Strategie als überaus wirksam erwiesen. Die gängige Praxis besteht hier darin, dass neben einem „Pro“-Paket eine kostenintensive „Premium“-Variante platziert wird, um im Kopf des Konsumenten die Referenzpunkte zu verschieben.

Strategische Preisgestaltung durch psychologische Barrieren

Neben den vorgenannten Ankern spielen auch psychologische Barrieren eine nicht unwesentliche Rolle, was beispielsweise im Unterschied zwischen 9,99 € und 10 € immer wieder zu erkennen ist. Obwohl es sich bei diesem konkreten Beispiel nur um einen marginalen Unterschied handelt, wird der erste Preis sofort mit der Zahl „9“ in Verbindung gebracht. Plötzlich sehen wir gar nicht mehr die Zahlen hinter dem Komma, sondern nur noch die „9“ davor, was dazu führt, dass wir den Preis nun als 9 € wahrnehmen, was immerhin ein ganzer Euro weniger wäre als beim zweiten Preis und die Kaufbarriere in wesentlichem Maße senkt. Ein einfaches und bewährtes Mittel, über das moderne Preisgestaltung allerdings weit hinaus geht. Im Wesentlichen geht es um die Identifikation und Analyse von Schmerzpunkten beim Kauf.

Was ist eigentlich „Decoy Pricing“ im Kontext der Preisgestaltung?

Auch das sogenannten „Decoy Pricing“ spielt im Rahmen einer smarten Preisgestaltung eine erhebliche Rolle. Aber was genau bedeutet das überhaupt? Im Grunde sind damit lediglich „Lockvogel“-Preise gemeint, die in etwa den Gegenteiligen Zweck wie die teurere Alternative bewirken. Hier soll also nicht die günstigere Variante verkauft werden, indem ihr eine teurere an die Seite gestellt wird, sondern genau umgekehrt. Konkret bedeutet das, dass der Kunde psychologisch zur teureren Variante gedrängt wird, indem man ihm eine Alternative zur Verfügung stellt, die zwar in absoluten Zahlen weniger kostet, RELATIV zur Menge/Größe des Produktes allerdings als deutlich schlechterer Deal wirkt. In diesem Kontext bietet sich immer das Beispiel des Kinopopcorns an. Während eine kleine Tüte für 4 € und eine mittlere Tüte für, sagen wir, 5,50 € angeboten wird, ist die große Version vielleicht für 6 erhältlich, beinhaltet aber womöglich 25 % mehr Popcorn. Der preisliche Sprung von der mittleren zur großen Variante wirkt hier derart marginal, dass die 6 € als deutlich besserer Deal wahrgenommen werden; insbesondere deshalb, weil man ja auch die Steigerung von klein (4 €) auf mittel (5,50 €) als Referenz sieht. Hier zieht also der beste wahrgenommene RELATIVE Wert.

Um diese psychologischen Hebel effektiv zu nutzen, sollten Unternehmen folgende Parameter beachten:

  • Vermeidung von Währungssymbolen – Studien zeigen, dass das Weglassen von Währungssymbolen („€“) den „Schmerz des Bezahlens“ reduziert, da die Verbindung zum realen Geldverlust gelockert wird.
  • Präsentation von Ersparnissen in Prozent – Bei niedrigen Preisen wirken prozentuale Rabatte (20 %) attraktiver als absolute Beträge (2 €), während es sich bei hohen Preisen umgekehrt darstellt, da immer die große Zahl bei der Einsparung gewinnt.
  • Hervorhebung der „beliebtesten“ Option – Der „social Proof“ reduziert das Risiko einer Fehlentscheidung und lenkt Kunden subtil in das gewünschte Preissegment.
  • Bündelung von Produkten – Pakete (Bundles) verschleiern den Einzelpreis der Komponenten und machen den Gesamtpreis schwerer vergleichbar, was die Marge schützt.

Um die langfristige Akzeptanz der gewählten Preise zu sichern, sollten außerdem folgende Maßnahmen in der Kommunikation beachtet werden:

  • Detaillierte Nutzenargumentation – Erklären Sie präzise, welches Problem Ihr Produkt löst und warum dieser Wert den aufgerufenen Preis rechtfertigt.
  • Stufenweise Preisanpassung – Vermeiden Sie schockartige Erhöhungen und setzen Sie stattdessen auf kleine, nachvollziehbare Schritte über einen längeren Zeitraum.
  • Treue belohnen – Belohnen Sie Loyalität durch Preisgarantien oder Vorab-Angebote, um die Akzeptanz für allgemeine Erhöhungen zu steigern.
  • Garantien nutzen – Geld-zurück-Garantien reduzieren das gefühlte Risiko und machen eine ambitionierte Preisgestaltung für Neukunden sehr viel akzeptabler.

Letztendlich ist die Psychologie hinter der Preisgestaltung immer auch eine Gratwanderung zwischen wirtschaftlicher Notwendigkeit und Kundenloyalität. Bei Strategien zur Preisgestaltung sollte sich jeder Unternehmer darüber im Klaren sein, dass es sich nicht um einmalige Projekte handelt, sondern um langfristige Dynamiken, die natürlich die Marge steigern bzw. sichern sollen, aber auch keinesfalls überreizt werden dürfen, um Kunden nicht das Gefühl zu geben, lediglich als Melk-Kuh wahrgenommen zu werden. Wer diesen Balanceakt meistern, sichert sich ein perspektivisch stabiles Einkommen durch clevere Preisgestaltung UND Kundenbindung.

Bildnachweise:

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