Wrestlemania, Hulk Hogan, bunte Charaktere und Körper wie aus einem Superhelden-Comic – kaum jemand konnte sich diesen (wenn auch inszenierten) modernen Gladiatoren-Kämpfen entziehen. Insbesondere nicht in den 80ern und 90ern. Das liegt in erster Linie an einem Mastermind hinter der ganzen WWF/WWE-Apparatur, einem Impresario mit einem einzigartigen Gespür dafür, was die Massen wollen – noch bevor diese das überhaupt selbst wussten. Vincent Kennedy McMahon, der den meisten Menschen eher unter der Kurzform „Vince McMahon“ geläufig sein dürfte, hat jahrzehntelang die Strippen im Wrestling-Geschäfts gezogen, mit seinem „out oft he box“-Denken eine ganze Industrie revolutioniert, die Welt des Sport-Entertainments auf den Kopf gestellt und sich mit seinen Business-Entscheidungen in den elitären Kreis der Milliardäre gehievt. Aber was steckt hinter der Person Vince McMahon? Was macht er anders als alle Anderen und welche Eigenschaften haben zu seinem Erfolg beigetragen? Das möchten wir in diesem Artikel ergründen.
McMahon und sein (nicht) Lehrbuch-mäßiger Erfolg
In der Geschichte der amerikanischen und sogar globalen Unterhaltungsindustrie gibt es kaum eine polarisierendere Figur als den WWF/WWE-Zampano Vince McMahon. Wie so viele erfolgreiche Unternehmer hat auch McMahon alle zu jener Zeit geltenden Regeln über den Haufen geworfen, sich an kein „Regelbuch“ gehalten und seine Vision stur gegen alle Konventionen durchgesetzt. McMahon ist mit dieser Business-Mentalität von einem Jungen aus einfachsten Verhältnissen zum Architekten eines weltweiten Medien-Konglomerats avanciert, das unter dem Dach der sogenannten TKO Group Holdings mit mehreren Milliarden Dollar bewertet wird. Aber von Anfang an …
Vom Trailerpark zur Kontrolle der gesamten Wertschöpfungskette
Prinzipiell kann konstatiert werden, dass McMahons Aufstieg vom Trailerpark-Bewohner zum Multimilliardär als Lehrstück zum Thema Markt-Disruption, skrupellose Expansion und Gratwanderung am Rande des Kartellrechts angesehen werden kann. Um seinen Erfolg nachvollziehen zu können, ist es jedoch wichtig, das Marktumfeld der frühen 80er Jahre im Wrestling-Business zu verstehen. Unter dem Dach der NWA, der „National Wrestling Alliance“, teilten sich zahlreiche Promoter bestimmte Regionen im Land untereinander auf. Diese stille Übereinkunft basierte darauf, diese territorialen Grenzen zu respektieren und nicht im Gebiet eines anderen Promoters zu „wildern“. Wer beispielsweise in New York veranstaltete, durfte den Markt in Texas nicht antasten und umgekehrt. Im Grunde handelte es sich hierbei um eine Art loses Kartell verschiedener „Regionalfürsten“. Einer davon war Vinces Vater, Vince McMahon sr., der ursprünglich mit seiner „Capitol Wrestling Corporation“ (später WWWF) im Nordosten des Landes agierte und dort auch durchaus erfolgreich war. Vince McMahon jr. erkannte jedoch schnell das gigantische Skalierungs-Potential, das sich auch durch das immer populärere Kabelfernsehen ergab. Um das zu nutzen, war es allerdings notwendig, die ungeschriebenen Gesetze der „Territorial-Herrschaft“ radikal zu brechen. Gesagt, getan …
Übernahme der väterlichen Firma
Als McMahon jr. die mittlerweile längst in „World Wide Wrestling Federation“ (WWWF) umbenannte Wrestling-Organisation seines Vaters übernahm und schließlich ein „F“ aus dem Namen entfernte (zu „WWF“), ahnte niemand, dass das eine Revolution des gesamten Marktes nach sich ziehen würde, die bisher von keinem Beteiligten für möglich gehalten wurde…außer von Vince selbst. Denn der begann sogleich damit, seine Visionen umzusetzen und brachte mit dem Bruch der ungeschriebenen Gesetze des Wrestling-Marktes einen großen Teil der Branche gegen sich auf. Das war jedoch gleichzeitig auch der Startschuss für seine einzigartige Erfolgsstory. McMahon war Visionär und beim Erreichen seiner Ziele ebenso diszipliniert wie skrupellos. Er brach verstaubte Strukturen auf und setzte neue Maßstäbe, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellten.
Hier die wesentlichen Parameter seines Erfolges:
- Aggressiver Kapitaleinsatz: McMahon investierte seine gesamten Barreserven, um die populärsten Talente der überregionalen Konkurrenten abzuwerben.
- Infrastruktur-Zerschlagung: Er kaufte Sendezeit auf nationalen Sendern und drängte die lokalen Anbieter aus dem Markt, indem er den Werbemarkt monopolisierte. Das konnte nicht einmal mehr als sanfte Übernahme angesehen werden, sondern als feindliche Bereinigung eines zersplitterten Marktes, die McMahon letztlich fast zum Monopolisten der Branche machte.
- Deregulierung: Indem er zugab, dass die Ausgänge der Kämpfe geskriptet waren, entzog er die WWF (später dann „WWE“) der Aufsicht staatlicher Aufischts-Kommissionen.
- Kosteneinsparung: Er sparte Millionen an Steuern, medizinischen Pflichtabgaben und Lizenzgebühren ein, die für „echten“ Sport (wie Boxen oder Ringen) fällig gewesen wären. Diese Marge floss direkt zurück in die Produktion und Expansion.
Pay-per-View-Revolution und Streaming-Pionier
Wie so viele andere erfolgreiche Unternehmer war auch McMahon in vielerlei Hinsicht ein Pionier, was dazu führte, dass er auch sehr zeitig das Potential des sogenannten direct to consumer-Modells erkannte…lange bevor an heutige Streaming-Dienste überhaupt zu denken war. Mit der Etablierung der „Wrestlemania“-Veranstaltung im Jahr 1985 setzte er alles auf eine Karte. McMahon verstand als einer der Ersten, dass der größte Profit nicht in den Ticketeinnahmen lag, sondern in der technologiebasierten Skalierbarkeit. Daher forcierte er pay per view-Modelle (PPV), in deren Rahmen Millionen Konsumenten die WWE-Events für einen Betrag X zu Hause auf dem eigenen Sofa verfolgen konnten. Ein weiterer genialer Schritt, der seinen Erfolg endgültig zementierte, da er damit eine wahre Cashflow-Maschine erschaffen hatte, die das gesamte Unternehmen von Werbeeinnahmen unabhängig machte. Vince McMahon wäre aber nicht Vince McMahon, wenn er nicht auch hier wieder ein großes Risiko eingegangen wäre, um seine visionären Ideen zu forcieren. So opferte er das lukrative PPV-System, um einen eigenen Streaming-Dienst ins Leben zu rufen, das WWE Network. Auch in diesem Punkt traf er (wieder mal) genau ins Schwarze und bescherte seinem Unternehmen ein erhebliches Upgrade im Kontext der langfristigen Bewertung.
Vertikale Integration und Marken-Ökosystem
Einer der wesentlichen Punkte, die McMahon von seinen Mitbewerbern wie beispielsweise die von Ted Turner finanzierte WCW, abhob, war die totale Kontrolle über das sogenannte „intellectual property“, was sich im Wesentlichen in zwei Punkte zusammenfassen lässt:
- Merchandising-Maschinerie: Jedes Detail, vom Namen eines Wrestlers bis zum Design seines T-Shirts, gehörte der Firma. McMahon schuf ein Lizenz-Ökosystem, das von Spielzeug (Mattel) über Videospiele (2K Sports) bis hin zu T-Shirts reichte.
- Datenhoheit: Die WWE entwickelte sich regelrecht zu einer Datenkrake, um die Vorlieben der Fans bin ins kleinste Detail zu analysieren und die Shows entsprechend anzupassen.
Charaktereigenschaften des Tycoons McMahon – Arbeitsethos und Unbeugsamkeit
McMahons Erfolg ist untrennbar mit seinen Charaktereigenschaften verknüpft, die von einigen seiner Weggefährten wie folgt beschrieben werden:
- Workaholic – Sein 20-Stunden-Tag ist längst legendär. McMahon verlangte sich selbst ein unfassbares Arbeitspensum ab, erwartete das allerdings auch von seinen Angestellten. Diese Mentalität führte zu einer hocheffizienten Unternehmenskultur, die allerdings auch von vielen Mitarbeitern nicht durchgehalten wurde.
- Keine Angst vorm Scheitern – McMahon erreichte ungeahnte Höhen, nahm dafür aber auch viele Risiken in Kauf. Er überstand eine Anklage der Bundesregierung in den 90er, einen Streit um die Abkürzung „WWF“ (was zur Umbenennung in „WWE“ führte), ging 1996 beinahe bankrott und musste überdies im Laufe der Jahre noch zahlreiche weitere Skandale und andere Stolpersteine überwinden. Seine Fähigkeit, unter extremem Druck strategisch richtige Entscheidungen zu treffen, gilt als eine seiner Kernkompetenzen.
- Fortschritt über Nostalgie – McMahon stellte stets geschäftliche Weiterentwicklung über nostalgische Emotionen und zögerte beispielsweise nie, alte, verdiente Stars fallen zu lassen oder erfolgreiche Konzepte über den Haufen zu werfen, wenn sie dem künftigen Wachstum im Weg standen.
Fazit für Unternehmer
Vince McMahon ist das lebende Beispiel dafür, wie ein Nischenprodukt durch mediale Hebel, internationale Skalierung, aber auch Hartnäckigkeit, Disziplin und eine gewisse Risikobereitschaft zu einem globalen Imperium aufgebaut werden kann. McMahon war/ist Visionär, Workaholic und Regelbrecher in Personalunion, dessen Vermächtnis die Transformation eines „Jahrmarkt-Produkts“ in einen hochprofessionellen Content-Lieferanten ist, der heute mit Giganten wie Disney und Netflix um Streaming-Abrufe konkurriert. Der Verkauf und die Fusion zur TKO Group für über 9 Milliarden Dollar im Jahr 2023 war der ultimative Beleg für den Erfolg seines disruptiven Modells.
Bildquellen:
Beitragsbild: U.S. Air Force, public domain via Wikimedia Commons
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